Tricky Women Tricky Realities
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Tricky Women Tricky Realities

International Forum

Repositories Of Resistance

Talk & Event

Wer macht Geschichte, wessen Geschichten werden historisiert?

Seit 25 Jahren eröffnet Tricky Women Tricky Realities Raum für Gegenerzählungen: Animation, geschaffen von Frauen und/oder queeren Künstler*innen wird aus weiblicher und/oder queerer Perspektive wahrgenommen und verhandelt.

Im Jahr 2026 setzt das Internationale Forum diese Praxis fort und fokussiert dabei Strategien und Gesten der feministischen Historisierung. Indem wir Fragen nach archivarischen Abwesenheiten, Überschreibungen, Verdrängungen aber auch nach Möglichkeiten diesen entgegen wirkenden Prozessen der Archivierung und Zirkulation. von Inhalten aufwerfen, bewegen wir uns von einem ‚Archiv der Sehnsüchte‘ (“an archive of longings” nach Susan Sontag) hin zu (Aufbewahrungs-)Orten des Widerstands.

 

 

12:00 – 12:50

Unmaking the Canon: Who Gets to Be Remembered?

Marie-Josée Saint-Pierre

 

Wessen Arbeiten werden zu „Geschichte“, wenn wir die Geschichte des Animationsfilms erzählen – und wessen Arbeiten verschwinden oft unbemerkt aus dem Blickfeld?Die Abwesenheit von Frauen in der Animationsfilmgeschichte wird häufig auf den vermeintlichen Verlust ihrer Werke zurückgeführt.Doch viele dieser Werke existieren – sie sind nur weniger zugänglich, kaum referenziert und werden leicht übersehen.

Denn Archive und Institutionen bewahren nicht nur: Sie wählen aus, sie ordnen zu, sie benennen und sie entscheiden darüber, was zirkuliert.

Bezugnehmend auf die Arbeit von Tricky Women Tricky Realities argumentiert die Vortragende Marie-Josée Saint-Pierre, dass eine Veränderung des Kanons nicht allein eine Frage der Anerkennung ist. Es geht auch darum, jene strukturellen Bedingungen zu schaffen, unter denen die Animationskunst von Frauen nicht mehr ausradiert, übergangen oder marginalisiert wird – sondern dauerhaft sichtbar und im Gedächtnis verankert bleibt.

 

Marie-Josée Saint-Pierre ist eine international anerkannte Filmemacherin und außerordentliche Professorin an der Université Laval (Art and Science of Animation). Ihre Forschung bewegt sich im Feld feministischer künstlerisch-wissenschaftlicher Praxis im Animationsfilm und legt einen besonderen Schwerpunkt auf den animierten Dokumentarfilm, archivarische Praxis, sowie Politiken der Repräsentation und Sichtbarkeit. Sie ist die Autorin von Women and Film Animation: A Feminist Corpus at the National Film Board of Canada, 1939–1989 (2024). Ihr Arbeiten untersuchen Animation als kritischen, situierten Modus der Wissensproduktion, mit besonderem Fokus auf die Erfahrungen und Arbeiten von Frauen.

 

13:00 – 13:50

Women’s Animation Histories: Do They Need a Room of Their Own?

Jayne Pilling

 

Welche Probleme und Herausforderungen kennzeichnen die historiographische Auseinandersetzung mit der Arbeit von Frauen im Animationsbereich? Welche Rolle kann ein Festival in diesem Prozess übernehmen? Und stehen Kunst und Agitprop tatsächlich in einem Spannungsverhältnis zueinander?

Kurze Präsentation von Jayne Pilling, gefolgt von einem Gespräch zwischen Pilling, Festival Co-Direktorin Waltraud Grausgruber und Filmkritikerin Amanda Barbour, mit besonderem Bezug auf Animations-Residencies.

 

Jayne Pilling ist Kuratorin, Forschende und Dozentin im Bereich Animation und Gründerin der British Animation Awards. Sie hat über 20 DVD-Sammlungen zu unabhängiger Animation produziert und vertrieben, sowie bedeutende Publikationen wie Women and Animation, Animating the Unconscious und Desire & Sexuality in Animation herausgegeben. Für ihre Verdienste im Bereich der Forschung zu Animaiton wurde sie 2019 mit dem Zagreb International Animated Film Festival Award for Contribution to Animation Studies ausgezeichnet.

 

Amanda Barbour ist eine preisgekrönte Filmkritikerin und Präsidentin von Senses of Cinema, Australiens ältestem Online-Filmjournal. Sie verfügt über einen politischen Hintergrund und war Medienberaterin der ersten Aborigine-Senatorin Victorias im australischen Parlament. In ihrer Arbeit setzt sie sich dafür ein, asymmetrische Machtstrukturen zu hinterfragen, wobei sie die Schnittmenge zwischen Kunst und Politik in Theorie und Praxis.

 

PAUSE

 

14:15 – 15:05

Cruising the Archive: Critical Fabulation, Archival Absence, and Queer Working-Class Histories in Violett

Laura Nitsch

 

Ausgehend von Saidiya Hartmans Konzept der „Critical Fabulation“ und der Praxis des „Cruising the Archive“ thematisiert dieser Vortrag Nitschs Film Violett und dessen Auseinandersetzung mit ausgelöschten/r Geschichte(n) queerer Arbeiter*innen in/im (Roten)Wien. Der Vortrag reflektiert über archivarische Abwesenheit, gesetzliche Repression und historische Unsichtbarkeit und fragt, wie Animation als spekulatives Werkzeug mit Fragmenten und Leerstellen umgehen kann, ohne diese aufzulösen.

 

Laura Nitsch folgt den Spuren des Ungehorsamen, des Eigensinnigen und des unerwartet Scharfsinnigen in queerem Begehren und Arbeiter*innen-Erfahrungen. Sie widmet sich Geschichten, die sich dem Verschwinden widersetzen, und arbeitet mit Film, Text und Fragmenten des Gedächtnisses. Ihre Praxis bewegt sich zwischen Beobachtung und Spekulation und zeichnet nach, wie Widerstand Gestalt annimmt und wie andere Formen von Ökonomien und Beziehungen entstehen könnten.

 

15:15 - 16:15 PM

IN CONVERSATION: CAROLINE LEAF

DIRECT ANIMATION - A PERSONAL VISION

 

Die Natur unserer Arbeit entspringt dem, wer wir sind, den Stärken und Grenzen unserer Persönlichkeiten und der Zeit, in der wir leben. Ich werde versuchen, meinen Zugang zu Animation und das, was ich erreicht habe, in Kontext zu stellen mit dem, wer ich bin – geprägt durch die Werte meiner Umwelt.

— Caroline Leaf

 

Caroline Leaf animiert The Interview (1979)

 

Im Anschluss an den Vortrag folgt ein Interview mit Daniela Ingruber sowie die einmalige Gelegenheit, mit Caroline Leaf – einer Pionierin und Meisterin der Sandanimation, der Mal-auf-Glas-Technik und Scratch-on-70 mm – ins Gespräch zu treten.

 

Caroline Leafs narrative Animationsfilme sind berühmt für ihre emotionale Kraft und ihren unverwechselbaren, grafischen Stil, tief verwoben mit den innovativen Techniken der Direct Animation, die sie entwickelt hat.

Ihr erster Film, Sand or Peter and the Wolf, entstand aus gesammeltem Strandsand, der auf einen Leuchttisch gestreut und von unten beleuchtet wurde, wodurch eine geheimnisvolle Welt bewegter, schattenhafter Figuren entstand. Ihre folgenden Filme verfeinern und erweitern diese „Straight-Ahead“-Technik zu einer poetischen, beinahe magischen Bildsprache, bei der jede Bewegung direkt unter der Kamera entsteht.

Leaf arbeitete beim National Film Board of Canada und lebt mittlerweile in London, UK, wo sie ein eigenes Studio betreibt und als bildende Künstlerin in Öl, Aquarell und Mischtechniken arbeitet. Zudem unterrichtet sie Animation an der National Film and Television School.

 

Diese Veranstaltung findet auf englischer Sprache statt.

FR 13.3.
12:00 PM – 4:30 PM

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Österreichisches Filmmuseum